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Stachelige Stars ohne Allüren

Bericht der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten

vom 10. September 2008

Text und Fotos von Nalini Dias - 09.09.2008


Heinsberg-Aphoven. Wären sie eine Combo, würden sie sich wahrscheinlich «Die Igels» nennen. Und mit ihren schnittigen Frisuren, den stacheligen Outfits und den zauberhaften Gesichtern würde die derzeit 19-köpfige Formation sicherlich die Herzen der Fans im Sturm erobern.

Die Gruppe ist international besetzt: Aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und weiten Teilen Deutschlands stammen ihre Mitglieder. Vom Säugling über den Halbstarken und die Mutter bis hin zum Greis ist alles vertreten in der munteren Gesellschaft. Die Rede ist von den derzeitigen Bewohnern der Igelstation Heinsberg in Aphoven. Musik machen können die kleinen stacheligen Gesellen zwar nicht, dennoch hat ein jeder von ihnen echte Starqualitäten.

 

«Das hier ist unser Kölner», stellt Wilfried Overhoff, Leiter der Igelstation Heinsberg in Aphoven, Talstraße 77, einen ganz besonderen Bewohner der Anlage vor. Er ist einer von vier Albinos unter den Tieren. «Nur ein Tier unter tausenden wird als weißer Igel geboren», weiß der erfahrene Igelexperte. Die weißen Tiere haben in der Station eine dauerhafte Bleibe gefunden. «Denn», so erklärt Overhoff, «die Albinos würden in der freien Natur nicht überleben.»

Die jüngsten Bewohner der Station benötigen derzeit die größte Aufmerksamkeit. Die etwa eine Woche alten Igelbabys haben ihre Augen noch geschlossen und leben in einem Korb, der mit Papierspähne und einer Heizspirale ausgestattet ist. Alle zwei bis drei Stunden füttert sie Overhoff aus der Pipette mit Spezialmilch.

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Auch sie wären in der Natur nicht lebensfähig, wie die meisten der derzeitigen Bewohner der Einrichtung. «Wir erhalten hier Igel in zum Teil schlimmen Zustand», berichtet Overhoff, der die Station seit 2001 auf seinem Bauernhof in Aphoven betreibt. Manche Tiere seien derart mit Maden befallen, dass sie nur noch eingeschläfert werden könnten. Andere seien verletzt, benötigten medizinische Hilfe oder auch nur ein Dach über dem Kopf, um den Winter unbeschadet zu überstehen.

 

Bei ihrer Ankunft werden die Igel entfloht und entzeckt. Außerdem ist eine Wurmkur zur Aufnahme in der Igelstation Pflicht, ebenso wie ein Breitbandantibiotikum. «Letzten Winter haben wir insgesamt 157 Igel aufgenommen», erzählt Overhoff, der die Station derzeit auf die «Hochsaison» vorbereitet. Die Tiere, die etwa acht Jahre alt werden, haben ihr Domizil im Schuppen.


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Dort hat der Frührentner zahlreiche mannshohe Kisten aufgebaut, in denen jedes Tier auf einer eigenen «Etage» eine gemütliche Wohnung in einem Pappkarton gefunden hat.
Tagsüber können sich die Igel zudem im Freigehege «austoben». Denn Overhoff legt Wert auf artgerecht Haltung. Eine Kapazitätsgrenze hat die Station nicht. «Ich schicke keinen Igel fort», sagt er. Und das, obwohl die Finanzierung der Aufenthalte ein wahrer Kraftakt ist.

 

Laut Wilfried Overhoff kosten ein Igel im Schnitt einen Euro pro Tag für Nahrung, Medizin, Unterkunft, Heizkosten, Pflege und Müllentsorgung. Zwar hat der «Igelvater» den Verein «Freunde der Igelstation Heinsberg» aus der Taufe gehoben, der aus 60 Mitgliedern besteht, doch aus den Mitgliedsbeiträgen allein (Minimum 20 Euro pro Jahr) sind die Kosten nicht zu decken.


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«Wir sind auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen», erklärt Overhoff. «Weil Igel als Wildtiere gelten, erhalten wir keine Zuschüsse. Lediglich zwei Ein-Euro-Kräfte stehen uns zur Verfügung.» Das sei auch der Grund, warum es in Deutschland mittlerweile nur noch wenige Igelstationen gibt, obwohl die Existenz des stachligen Gesellen bedroht ist. Die Heinsberger Station ist weit über den Kreis Heinsberg hinaus die einzige ihrer Art.

Die erwachsenen, gesunden Igel werden dann nach der Winterruhe im Frühjahr wieder ausgewildert. Sobald der Frost vorbei ist, sucht Overhoff Gartenbesitzer, die ein Tier in ihrem Garten aussetzen möchten. «Mit einer geschützten Futterstelle, an der auf den Igel Katzentrockenfutter wartet, etwas Reisig und Laub können Igel mit etwas Glück sogar an einen Garten gebunden werden», sagt der Experte.

Doch woran erkennt der Laie einen Igel in Not:

 

«Jeder Igel, der am helllichten Tag rumläuft, ist nicht in Ordnung», verdeutlicht Overhoff.

Auch bei Frost sollten die Tiere nicht mehr herumlaufen. Mit verletzten Tieren, rät der Experte, sollten die Finder sofort zum Tierarzt gehen. Handlungsbedarf bestehe auch bei einem aufgedeckten Nest. Der Finder sollte zuerst das Muttertier einfangen und nach Rücksprach zur Station gebracht werden. Andernfalls verlasse die Mutter das Nest und kehre nie wieder zurück. Die Igelbabys sollten sofort auf eine Wärmflasche gesetzt und ebenfalls nach Aphoven transportiert werden. Dann könnten die Jungtiere doch noch von der Mutter aufgezogen werden.

Seit sich Overhoff um die Igel-Notfälle kümmert, wenden sich übrigens auch immer wieder Menschen mit anderen in Not geratenen Geschöpfen an den Tierfreund. So ist aus dem Hof in den letzten Jahr eine Art Tiergehege geworden. Mittlerweile leben dort zahlreiche Vögel, Eichhörnchen, zwei Hunden, 20 Katzen, ein Schwein und drei Füchse.







Mein Kompliment an Nalini Dias! Ich habe selten einen so spannend formulierten und nett verpackten Bericht gelesen (das muss man hier auch einmal sagen).

Jansen, Webmaster




Fotos: © Nalini Dias - 09.09.2008


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